Freitag, 10. November 2017

Peter Kerschgens Ideenspeicher

In der vergangenen Woche hatte ich das Vergnügen und die Ehre, für zwei Tage als Gast bei Peter Kerschgens und seiner Frau, der Künstlerin Astrid Karuna Feuser eingeladen zu sein. Das war in verschiedener Hinsicht ein wunderbares Erlebnis.

Zunächst einmal, bin ich selten so herzlich empfangen und so fürsorglich und großzügig bewirtet worden, obwohl es für uns drei die erste Begegnung miteinander war. Und dann gibt es dort natürlich das absolut beeindruckende Kunstarchiv-Peter-Kerschgens - mit dem Ideenspeicher.

Ca. 20 000 Zeichnungen haben sich im Laufe von knapp 40 Jahren Sammlertätigkeit dort eingefunden. Meterlange Regale füllen mittlerweile zwei mittelgroße Häuser, mit ordentlich abgelegten, alphabetisch sortierten Mappen. Einige Regale sind mit Holzrahmen bestückt, in denen die Zeichnungen der letzten Ausstellung verblieben sind. Es sind echte Perlen darunter.

Darüber hinaus befinden sich im Archiv, in verschiedene Sammelgebiete geordnet, an die 300 000 ebenfalls übersichtlich in eigens hergestellten Kästen archivierte Einladungskarten, des weiteren Kataloge von Künstlerinnen und Künstlern, bekannte und unbekannte Namen aus aller Welt.

So heißt denn auch das schöne Spiel, das uns eine Weile erheitert: "Nenn mal einen Namen!", und ich nenne einen. Peter überlegt kurz und geht zielstrebig auf ein Regal zu, öffnet eine Box und zieht mehrere Karten heraus. Selbst von mir findet er ein paar alte Einladungen von Ausstellungen, an die ich mich lange nicht erinnert habe. Auf welch verschlungenen Wegen sie dorthin gelangt sind, weiß der Himmel. Peter muss über ein unglaubliches, auch visuelles, Gedächtnis verfügen. Er weiß binnen Kurzem genau, wo sich etwas befindet. Absolut erstaunlich!

Was mich besonders freut ist, dass Peter wohl einer der wenigen Sammler ist, die allein auf die Qualität einer Arbeit achten und nicht darum, ob es sich um einen bekannten Namen handelt oder eine Wertsteigerung absehbar ist.

Und ich freue mich sehr, nun auch mit 50 Blättern, aus verschiedenen Phasen, im Ideenspeicher vertreten zu sein!

Als Sahnehäubchen bekam ich auch Astrids space-ige Bilderwelt und ihre Pop-Up-Bücher im Original zu Gesicht. Ihre Werke sind unverwechselbar und eröffnen eine Welt in der Welt. Ihre Phantasie ist unerschöpflich und beim Betrachten vermittelt sich mir ihre Lust am Spiel mit Linien, Mustern, Materialien, aber vor allem am Erzählen von Geschichten. Hunger nach Bildern! Wie gut, dass er nie gestillt werden kann!


Dienstag, 7. November 2017

Manet in Wuppertal - Konstruierte Kunstgeschichte

Als wir uns, am vergangenen Freitag dem Von-der-Heydt Museum in Wuppertal näherten, sagte ich zu meinem Begleiter: Erstaunlich, dass sich die arme Stadt, bzw. das kleine Museum, solch eine teuere Ausstellung leisten kann. Schließlich weiß mittlerweile jeder, dass die Versicherungssummen und Transportkosten für die Megawerke der Kunst, von den Museen kaum noch zu bezahlen sind.

45 weniger bekannte Arbeiten Manets wurden letztlich zusammengestellt und von ca. 100 Zeichnungen und Gemälden seiner Zeitgenossen flankiert. Zwei seiner Hauptwerke, "Das Frühstück im Grünen" und "Olympia" wurden als hochwertige Kunstdrucke im Originalformat präsentiert. Was immerhin eine adäquate Möglichkeit darstellt und die Originale schützt. Obwohl die Schau den Anspruch erhebt, Ausschnitte aus dem gesamten Werk Manets zu präsentieren, fehlte mir ein wesentlicher Aspekt, nämlich Manets Interesse an den technischen Errungenschaften seiner Zeit, der überhaupt nicht erwähnt wurde.

Aus Neugier nahmen wir an einer Führung durch die Ausstellung teil, die von einer jungen Kunsthistorikerin geleitet wurde, die sich offensichtlich bemühte, aus der gebotenen Zusammenstellung einen sinnfälligen Zusammenhang zu konstruieren.

Die Gruppe aus ca. 20 Teilnehmer*innen, sog widerstandslos die Floskeln und kunsthistorischen Behauptungen auf, die mit mehr oder weniger Relevanz vorgetragen wurden. Neben dem "Helden" der Kunst, der mutiger und rücksichtsloser, individualistischer seine Position zu verteidigen weiß, muss es dann auch noch den "Vater" der Moderne geben, dessen Samen sich, wie aus einer heiligen Wolke, auf die nach ihm folgenden Künstler ergießt. Ohne den Vater der Moderne, keine moderne Kunst!

Aber wer war denn nun der Vater, der das 20. Jahrhundert voller künstlerischer Entdeckungen erst möglich gemacht hat? Nach meinem bescheidenen kunsthistorischen Wissen galt bislang Cézanne als das Asphaltier der Moderne. Es stellt sich aber heraus, dass auch Gauguin und Van Gogh Väter der Moderne sind. Und wenn man etwas tiefer in die Kiste greift, würde ich sogar sogar Frans Hals, mit seinem lockeren, expressiven Pinselstrich, als Vater der Moderne betrachten. Und Goya, nicht zu vergessen! Aber wozu brauchen wir dieses Denken in patriarchalen Familienstrukturen? Und wo sind die Söhne, Töchter und Mütter geblieben?


Edouard Manet, Im Père Lathuille

Besteht die Moderne etwa aus einer Kette von Morden, begangen von Söhnen an ihren Vätern, ihren Vorgängern, die ihnen doch den Weg erst bereitet haben? Söhne, keine Töchter, denn Frauen können laut Aussage von Gerhard Baselitz nicht gut malen und sind demnach für den Kunstmarkt wertlos. Hier ein Link zu einem sehr schönen Artikel dazu aus der F.A.Z.

So widerlich diese Behauptung auch ist, das Fünkchen Wahrheit in Baselitz, auch sich selbst entwürdigender Aussage, mag darin liegen, dass der Kunstmarkt Malerinnen nicht besonders schätzt, weil sie möglicherweise nicht aggressiv genug sind, um über ihre Vorgänger*innen triumphieren zu wollen. Damit erledigt sich das Heldentum von selbst, ein Heldentum, ohne dass die Kunstgeschichte nicht existieren und der Kunstmarkt seine Preise nicht erzielen kann.

Darum ist es auch keine Malerin, die gerade die Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Kunstwelt anführt, sondern die Videokünstlerin Hito Steyerl! Es geht also doch, es gibt hin und wieder auch Heldinnen im Kunstbetrieb! Nur eben keine Malerinnen. In den 70er Jahren des vergangenen Jahrtausends haben Künstlerinnen sich explizit mit neuen Formen der Kunst beschäftigt, insbesondere der Videokunst, weil sie damals schon begriffen haben, dass sie als Malerinnen nicht wahrgenommen werden und keine Wirkung erzielen.

Ich bin überzeugt, dass ein mutigerer, heldenhafterer Museumsdirektor eine weitaus spannendere Schau hätte zusammenstellen und die politischen und zeitrelevanten Aspekte in Manet's Werk unkonventioneller und sinnfälliger präsentieren können.

So hat für mich ein einfacher Museumsbesuch mal wieder zu Gedanken über Sinn und Unsinn in der Welt der Kunst geführt, insbesondere der von Künstlerinnen :-)

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Fotorefenzen

Seit es die Fotografie gibt, scheint die Malerei um ihre Identität zu ringen. Die Frage, was soll, was kann Malerei noch leisten, nachdem das Abbilden von Wirklichkeit nur einen Klick entfernt ist, steht nach wie vor im Raum. Soll Malerei die Realität abbilden, soll sie über die Realität hinausgehen, soll sie das Material, das Medium, sich selbst reflektieren?

Seit es die Fotografie gibt, haben Maler sie aber auch als Vorlage für ihre Bilder genutzt. Ist es nicht ein raffinierter Schachzug, wiederum die Fotografie für die Dienste der Malerei einzuspannen?


Verlag Fröhlich&Kaufmann, 
von Elizabeth Easton, Clément Chéroux, Michel Frizot u. a., Katalogbuch Washington 2012

Das Zeichnen und Skizzieren der Dinge vor dem Objekt, vor der Natur, bleibt dennoch Bedingung zur Entwicklung des eigenen Vorstellungsvermögens und des räumlichen Denkens.

Das Betrachten von Dingen und Orten auf einem Foto löst jedoch andere Empfindungen aus. Mir scheint, ein Foto ruft auf seine Weise etwas Rätselhaftes hervor, etwas, dass ich durch die Distanz, die ich aufgrund des technischen Prozesses und der dazwischen liegenden Zeit, hineinlesen kann.

Und das ist letztlich der Prozess, der beim Malen mit einer Fotoreferenz in Gang kommt. Nicht die genaue Wiedergabe aller Details und Lichtverhältnisse steht dabei im Vordergrund, sondern die Umsetzung dessen, was ich beim Betrachten der Fotografie an eigenen Vorstellungen wiedergeben möchte. Heißt bilden nicht zwangsläufig immer auch interpretieren?

Ein weiterer für mich bedeutsamer Aspekt, den die gegenständliche, bzw. figurative Malerei betrifft, liegt darin, dass das Foto mir mehr Freiheit gibt, mich auf die Malerei selbst zu konzentrieren, auf die Farben und den Pinselstrich.



In letzter Zeit sprechen mich insbesondere Fotos an, die andere gesehen und festgehalten haben. Gerade die mir unbekannten Räume und Orte sind es, die es mir erlauben, mich dem Motiv unbefangen zu nähern und mich umso mehr auf die Malerei selbst, auf die Farben und den Farbauftrag zu konzentrieren. Ich wähle Fotos aus, die mich in irgendeiner Form ansprechen und so glaube ich, müssen sie auf die eine oder andere Weise etwas mit meinem eigenen Erleben von Welt zu tun haben.

Gemalte Bilder beziehen sich immer auf den Menschen, auch, wenn der Mensch selbst darin nicht sichtbar ist, auch, wenn das Bild abstrakt, konkret, minimalistisch oder sonst irgendwie gestaltet ist, geht es doch immer um eine menschliche Ordnung und Erfahrung. Und darin liegt die Identität der Malerei, ganz ohne Zweifel.

Dienstag, 10. Oktober 2017

Auf der Suche

Es ist eine Weile her, seit ich den letzten Post veröffentlicht habe, aber manchmal braucht es etwas mehr Zeit, um einen Gedanken eine Veröffentlichung wert zu finden.

Vielleicht spielt die Tatsache eine Rolle, dass mich zwar weiterhin die Themen beschäftigen, die mir in den letzten Jahren wichtig waren - Gebäude, Straßen, Fassaden etc. - dass ich aber auch auf der Suche nach ergänzenden Motiven bin.

Die Mauer eines Hauses ist wie die Linie einer Zeichnung, deren Strich gleichzeitig ein Innen und ein Außen bildet. Daraus ergibt sich eine spannende Wechselwirkung. Was zeigen, was verbergen die Fassaden, welche Geschichte erzählen die Innenräume.

Das Thema des Interieurs ist in meinem Repertoire nicht neu. Anfang der 80 er Jahre habe ich, mit lockerem Pinselstrich, einige Räume von Schlössern und Residenzen gemalt. Es bietet sich an, das Thema wieder aufzugreifen und der Reihe von Häuser- und Fassadenbildern gemalte Innenräume gegenüber zu stellen.

Ich habe in den Alben einiger meiner Flickr-Freunde Fotos entdeckt, die in leerstehenden, bzw. verfallenen Häusern aufgenommen worden sind und die Einblicke in Räume gewähren, die sich selbst überlassen sind. Das natürliche Licht darin macht Farben sichtbar, die durch die Feuchtigkeit in den Mauern, den Wandel der Dinge über die Zeit, entstanden sein mögen.

Aus den Fugen geratene, ungeordnete Strukturen und Linien bilden ein Chaos der Verlassenheit. Was geschieht mit einem Raum, einem Haus, wenn sich kein menschliches Leben mehr darin befindet. Es scheint ein Eigenleben ohne Absicht und Zweck zu entwickeln.

Studien, Gouache und Acryl auf Papier, 50 x 70 cm








Dienstag, 26. September 2017

Kleine Blockade

Es passiert mir nicht oft, aber es passiert von Zeit zu Zeit. Ich komme ins Atelier und weiß nicht so richtig, wo ich beginnen soll. Mehrere fast fertig gestellte Bilder begrüßen mich, ein noch nicht so weit gediehenes ist am letzten Ateliertag auf der Staffelei verblieben. Es spricht nicht zu mir. Die Sonne scheint.

Es ist einer der wenigen noch verbleibenden, warmen Spätsommertage in diesem Jahr, dennoch kann ich mich nicht entschließen ihn draußen zu genießen. Obwohl, ein paar Kleinigkeiten müssen noch besorgt werden, ein Brief zur Post gebracht. Dabei lasse ich mir Zeit, schlendere ein wenig herum, es ist ja erst Mittag.

Zurück im Atelier esse ich erst etwas, damit ich die Arbeit nicht hungrig beginnen muss. Anschließend werfe ich noch einen kurzen Blick in meine Emails. Ich weiß, dass dies falsch ist, denn die Arbeit an den Bildern, die ich nun beginnen sollte, verträgt sich nicht mit der Öffnung des Fensters in die weite Welt. Ich weiß das und tue es trotzdem. Und bleibe prompt zu lange an der Kiste hängen ...

Eine Freundin kündigt einen kurzen Besuch für den Nachmittag an, um etwas bei mir abzuholen. Ich freue mich darauf einen Tee mit ihr zu trinken, mich noch mit ihr über dieses und jenes auszutauschen und schon ist der Zeiger der Uhr weiter fortgerückt. Inzwischen ist es früher Abend und ich muss einsehen, ich hatte die besten Absichten, aber heute fehlte mir irgendwie die Energie.

Ganz will ich mich aber nicht geschlagen geben und daher beginne ich einige Utensilien zu ordnen und auf einem Tisch zum Zeichnen bereit zu legen. Ich fühle mich nicht gut, wenn ich nicht einmal am Tag einen Stift in der Hand gehabt und wenigstens eine Skizze gemacht habe. Ich finde zwei Fotos mit Motiven, die mich schon lange interessieren, nehme einen Kohlestift in die Hand und fange einfach mal an. Die grobe Kohle steht im Widerspruch zu der Fülle der Details der Fotos und damit bin ich gezwungen, die Skizze großzügig anzulegen. Es entwickelt sich etwas, das mich neugierig macht. Der Knoten scheint sich aufzulösen.






Morgen werde ich möglichst früh die Pinsel in die Hand nehmen und loslegen. Vermutlich musste ich mich heute erst von den Ereignissen des Wochenendes erholen. Die Wahl und ihr Ergebnis hat mich ziemlich beschäftigt. Das Säbelrasseln der zwei Psychopathen im Atlantik und im Pazifik ebenso. Aber auch die Erdbeben in Mexiko. Die Welt verändert sich permanent. Manchmal ist es nicht leicht, das hinzunehmen.