Freitag, 8. Dezember 2017

Interview mit Shirin Neshat

Mal wieder eine wichtige Ausstellung verpasst: Shirin Neshat in der Kunsthalle.

Hier ist ein kurzes Interview mit der Künstlerin, über ihren neuen Film, der auf dem Festival in Katar vorgestellt worden ist, nachzuhören in der Dlf Audiothek:

Ich muss Männern gegenüber dominant sein





Dienstag, 5. Dezember 2017

Später Ruhm für Carmen Herrera

Als Greisin für den Kunstmarkt "entdeckt" zu werden, ist sicher besser, als nie entdeckt zu werden. So bleibt die 102 jährige Künstlerin Carmen Herrera wenigstens vor der Altersarmut verschont.

Bitte nicht falsch verstehen! Es ist großartig, dass es möglich ist, in hohem Alter noch die gebührende Ehre zu erleben, aber, wenn die Bilder von Carmen Herrera so großartig sind, dann waren sie das auch vor 20, 30, 40 und mehr Jahren, denn ihr Stil hat sich nicht wesentlich verändert. Warum wurde sie dann vorher nicht "entdeckt" und wertgeschätzt?

Zitat aus dem Kunstmagazin Art:

Doch als Herrera Mitte der fünfziger Jahre zur Blütezeit des abstrakten Expressionismus zurück nach New York zog, konnte sie keine Galerie finden, die an ihren Abstraktionen interessiert war. Dass sie eine Frau war und obendrein aus Lateinamerika stammt, machte es noch schwieriger. Es folgten die vor allem von Männern dominierte Pop Art, die Macho-Zeit der Minimalisten und die Konzeptkunst. Herrera, die ihrem Stil treu blieb, ging wie so viele andere Künstlerinnen im Erfolg ihrer männlichen Kollegen unter. Loewenthal, der 2000 im hohen Alter von 98 Jahren verstarb, machte es möglich, dass seine Frau weiter als Künstlerin arbeiten konnte.

Carmen Herrera hat in ihrem langen Leben ein umfangreiches Werk geschaffen. Und sie greift auch im Alter von 102 Jahren weiterhin zu Pinsel und Farben, weil sie Künstlerin ist, gehört die Malerei nicht nur zu ihrem Leben, es ist ihr Leben!

Dennoch stellt sich ein bitterer Geschmack bei dem Gedanken an den Hype um sie ein. Um die Kunstindustrie in Gang zu halten, bedarf es neuer Ware, die sich gut verkaufen lässt. Zu Diamanten auf dem Kunstmarkt werden Bilder aber nur, wenn sie von den "richtigen" Leuten, an den "richtigen" Orten angeboten werden.

In einem weiteren Artikel der Zeitschrift Art wird der Berliner Galerist Juerg Judin wie folgt zitiert:

Der Berliner Galerist Juerg Judin sieht hinter dem Erfolg der Kunstsenioren allerdings auch schnöde Marktinteressen. “Die Anschubkraft hinter der Wiederentdeckung eines Künstlers ist der Kunstmarkt, nicht ein Museum“, sagt er. So sei auch Carmen Herrera vor einigen Jahren “gezielt neu aufgestellt“ worden. Die meisten spektakulären Wiederentdeckungen auf dem Kunstmarkt der vergangenen Jahre seien auf den Kunstmarkt zurückzuführen, meint Judin. Die Galeristen hätten erkannt, dass die Neuauflage eines Künstlers einfacher und weniger risikoreich sei als einen jungen Künstler neu zu lancieren.

Die wiederentdeckten Künstler hätten bereits “einen Wert und ihren Platz in der Kunstgeschichte“. Es gehe nur noch darum, “sie zum Glänzen zu bringen». Dass sich Wiederentdeckungen so häuften, liege auch daran, “dass wir einen sehr großen Kunstmarkt und wachsenden Absatzmarkt haben“.

Carmen Herrera scheint mir ein selten dicker Fisch im Netz der Kunstfänger zu sein. Sie brauchen ihn nur noch mit etwas Geduld an Land zu ziehen, denn das Ende der Produktion ist absehbar und damit die Begrenzung des Angebots an Bildern. Die Preise werden dann steigen, und etliche Taschen füllen, denn laut "Volksmund" ist nur ein toter Künstler ein guter Künstler.

Man möge mir meinen Zynismus verzeihen, aber wer glaubt die Kunst sei frei irrt sich gewaltig. Und diese Lüge, an die so viele glauben, tut zumindest mir gelegentlich weh.

Auf jeden Fall wünsche ich der betagten Künstlerin weiterhin Elan und Schaffenskraft und noch viele erfüllte Lebensjahre!



Mittwoch, 29. November 2017

Offene Ateliers im Franz. Viertel

Alle Jahre wieder, jeweils am 1. Advent, öffnen wir Künstlerinnen und Künstler des Französischen Viertels in Tübingen, unsere Ateliers für das geneigte Publikum.

Bei mir wird es diesmal Arbeiten auf Papier zu sehen geben, einen Teil meiner Arbeit, den ich bisher noch nie gezeigt habe. Um mich nicht in Kosten für neue Rahmen stürzen zu müssen, habe ich mir eine besondere Form der Präsentation überlegt. Sobald ich mit den Vorbereitungen weiter gekommen bin, werde ich hier eine Kostprobe davon posten.

Mein "Werk" ist über die Jahre doch recht umfangreich geworden, so dass ich mich freuen würde, wenn einige Blätter, am kommenden Sonntag, ihre Liebhaber*innen finden würden. Ich gehe davon aus, dass das Publikum, das sich für die Kunst von uns lokalen Künstler*innen interessiert, nicht mit üppigst gefüllten Brieftaschen ausgestattet ist, so dass sich meine Preise auf einem sehr erschwinglichen Niveau bewegen werden.

Ich freue mich auf viele interessierte und kunstbegeisterte Besucher!


Freitag, 10. November 2017

Peter Kerschgens Ideenspeicher

In der vergangenen Woche hatte ich das Vergnügen und die Ehre, für zwei Tage als Gast bei Peter Kerschgens und seiner Frau, der Künstlerin Astrid Karuna Feuser eingeladen zu sein. Das war in verschiedener Hinsicht ein wunderbares Erlebnis.

Zunächst einmal, bin ich selten so herzlich empfangen und so fürsorglich und großzügig bewirtet worden, obwohl es für uns drei die erste Begegnung miteinander war. Und dann gibt es dort natürlich das absolut beeindruckende Kunstarchiv-Peter-Kerschgens - mit dem Ideenspeicher.

Ca. 20 000 Zeichnungen haben sich im Laufe von knapp 40 Jahren Sammlertätigkeit dort eingefunden. Meterlange Regale füllen mittlerweile zwei mittelgroße Häuser, mit ordentlich abgelegten, alphabetisch sortierten Mappen. Einige Regale sind mit Holzrahmen bestückt, in denen die Zeichnungen der letzten Ausstellung verblieben sind. Es sind echte Perlen darunter.

Darüber hinaus befinden sich im Archiv, in verschiedene Sammelgebiete geordnet, an die 300 000 ebenfalls übersichtlich in eigens hergestellten Kästen archivierte Einladungskarten, des weiteren Kataloge von Künstlerinnen und Künstlern, bekannte und unbekannte Namen aus aller Welt.

So heißt denn auch das schöne Spiel, das uns eine Weile erheitert: "Nenn mal einen Namen!", und ich nenne einen. Peter überlegt kurz und geht zielstrebig auf ein Regal zu, öffnet eine Box und zieht mehrere Karten heraus. Selbst von mir findet er ein paar alte Einladungen von Ausstellungen, an die ich mich lange nicht erinnert habe. Auf welch verschlungenen Wegen sie dorthin gelangt sind, weiß der Himmel. Peter muss über ein unglaubliches, auch visuelles, Gedächtnis verfügen. Er weiß binnen Kurzem genau, wo sich etwas befindet. Absolut erstaunlich!

Was mich besonders freut ist, dass Peter wohl einer der wenigen Sammler ist, die allein auf die Qualität einer Arbeit achten und nicht darauf, ob es sich um einen bekannten Namen handelt oder eine Wertsteigerung absehbar ist.

Und ich freue mich sehr, nun auch mit 50 Blättern, aus verschiedenen Phasen, im Ideenspeicher vertreten zu sein!

Als Sahnehäubchen bekam ich auch Astrids space-ige Bilderwelt und ihre Pop-Up-Bücher im Original zu Gesicht. Ihre Werke sind unverwechselbar und eröffnen eine Welt in der Welt. Ihre Phantasie ist unerschöpflich und beim Betrachten vermittelt sich mir ihre Lust am Spiel mit Linien, Mustern, Materialien, aber vor allem am Erzählen von Geschichten. Hunger nach Bildern! Wie gut, dass er nie gestillt werden kann!


Dienstag, 7. November 2017

Manet in Wuppertal - Konstruierte Kunstgeschichte

Als wir uns, am vergangenen Freitag dem Von-der-Heydt Museum in Wuppertal näherten, sagte ich zu meinem Begleiter: Erstaunlich, dass sich die arme Stadt, bzw. das kleine Museum, solch eine teuere Ausstellung leisten kann. Schließlich weiß mittlerweile jeder, dass die Versicherungssummen und Transportkosten für die Megawerke der Kunst, von den Museen kaum noch zu bezahlen sind.

45 weniger bekannte Arbeiten Manets wurden letztlich zusammengestellt und von ca. 100 Zeichnungen und Gemälden seiner Zeitgenossen flankiert. Zwei seiner Hauptwerke, "Das Frühstück im Grünen" und "Olympia" wurden als hochwertige Kunstdrucke im Originalformat präsentiert. Was immerhin eine adäquate Möglichkeit darstellt und die Originale schützt. Obwohl die Schau den Anspruch erhebt, Ausschnitte aus dem gesamten Werk Manets zu präsentieren, fehlte mir ein wesentlicher Aspekt, nämlich Manets Interesse an den technischen Errungenschaften seiner Zeit, der überhaupt nicht erwähnt wurde.

Aus Neugier nahmen wir an einer Führung durch die Ausstellung teil, die von einer jungen Kunsthistorikerin geleitet wurde, die sich offensichtlich bemühte, aus der gebotenen Zusammenstellung einen sinnfälligen Zusammenhang zu konstruieren.

Die Gruppe aus ca. 20 Teilnehmer*innen, sog widerstandslos die Floskeln und kunsthistorischen Behauptungen auf, die mit mehr oder weniger Relevanz vorgetragen wurden. Neben dem "Helden" der Kunst, der mutiger und rücksichtsloser, individualistischer seine Position zu verteidigen weiß, muss es dann auch noch den "Vater" der Moderne geben, dessen Samen sich, wie aus einer heiligen Wolke, auf die nach ihm folgenden Künstler ergießt. Ohne den Vater der Moderne, keine moderne Kunst!

Aber wer war denn nun der Vater, der das 20. Jahrhundert voller künstlerischer Entdeckungen erst möglich gemacht hat? Nach meinem bescheidenen kunsthistorischen Wissen galt bislang Cézanne als das Asphaltier der Moderne. Es stellt sich aber heraus, dass auch Gauguin und Van Gogh Väter der Moderne sind. Und wenn man etwas tiefer in die Kiste greift, würde ich sogar sogar Frans Hals, mit seinem lockeren, expressiven Pinselstrich, als Vater der Moderne betrachten. Und Goya, nicht zu vergessen! Aber wozu brauchen wir dieses Denken in patriarchalen Familienstrukturen? Und wo sind die Söhne, Töchter und Mütter geblieben?


Edouard Manet, Im Père Lathuille

Besteht die Moderne etwa aus einer Kette von Morden, begangen von Söhnen an ihren Vätern, ihren Vorgängern, die ihnen doch den Weg erst bereitet haben? Söhne, keine Töchter, denn Frauen können laut Aussage von Gerhard Baselitz nicht gut malen und sind demnach für den Kunstmarkt wertlos. Hier ein Link zu einem sehr schönen Artikel dazu aus der F.A.Z.

So widerlich diese Behauptung auch ist, das Fünkchen Wahrheit in Baselitz, auch sich selbst entwürdigender Aussage, mag darin liegen, dass der Kunstmarkt Malerinnen nicht besonders schätzt, weil sie möglicherweise nicht aggressiv genug sind, um über ihre Vorgänger*innen triumphieren zu wollen. Damit erledigt sich das Heldentum von selbst, ein Heldentum, ohne dass die Kunstgeschichte nicht existieren und der Kunstmarkt seine Preise nicht erzielen kann.

Darum ist es auch keine Malerin, die gerade die Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Kunstwelt anführt, sondern die Videokünstlerin Hito Steyerl! Es geht also doch, es gibt hin und wieder auch Heldinnen im Kunstbetrieb! Nur eben keine Malerinnen. In den 70er Jahren des vergangenen Jahrtausends haben Künstlerinnen sich explizit mit neuen Formen der Kunst beschäftigt, insbesondere der Videokunst, weil sie damals schon begriffen haben, dass sie als Malerinnen nicht wahrgenommen werden und keine Wirkung erzielen.

Ich bin überzeugt, dass ein mutigerer, heldenhafterer Museumsdirektor eine weitaus spannendere Schau hätte zusammenstellen und die politischen und zeitrelevanten Aspekte in Manet's Werk unkonventioneller und sinnfälliger präsentieren können.

So hat für mich ein einfacher Museumsbesuch mal wieder zu Gedanken über Sinn und Unsinn in der Welt der Kunst geführt, insbesondere der von Künstlerinnen :-)